Verdrehte Vergangenheit – wie Bonhoeffer zum Evangelikalen wurde
Ein amerikanischer Autor bringt ein Buch über Bonhoeffer auf den Markt, das in den USA auf die Bestsellerliste der New York Times geschafft hat und schwupp-di-wupp mutiert nach Aussage des Autors Eric Metaxas, des deutschen Verlags und des rechtskonservativen Magazins PRO (5/2011, S. 26-28) Bonhoeffer zum „streitbaren Evangelikalen, der auch an der heutigen Kirche einiges auszusetzen hätte.“ Nun, man kann sich nur die Augen über solche hanebüchene Geschichtsverdrehung bzw. Geschichtskittung reiben.
evangelical
Da ist zum einen der Begriff evangelical – das englische Wort kann im Deutschen mit „evangelisch“ wiedergegeben werden. So bezeichnet sich die Württembergische Landeskirche selbst als „The Evangelical-Lutheren Church in Württemberg“. Die zweite mögliche Übersetzung „evangelikal“ wird aber seit den 1960er Jahren zunehmend zur Selbstbezeichnung des konservativen Protestantismus, in Abgrenzung zum Mainstream, der sich an der ökumenischen Bewegung orientiert. Nun ist der Evangelikalismus eine breite Strömung, die sehr heterogen ist, und in den nationalen Ausprägungen deutlich voneinander abhebt. So ist der britische völlig von einem US-Amerikanischen zu unterscheiden, ebenso wie der deutsche von den südamerikanischen. Was in den letzten Jahren in der Publizistik der deutschen Leitmedien idea-Spektrum und PRO auffällt, dass sie massiv den Begriff evangelikal für ihre Definition eines Bekenntnisevangelikalismus reklamieren, dessen politischen Sichtweisen im Großen und Ganzen rechts von der CSU anzusiedeln sind.
Evangelikale in Bonhoeffers Zeit
Doch wo genau war dieser Bekenntnisevangelikalismus zu Bonhoeffers Zeiten und in der Zeit des Dritten Reiches? Da muss man historisch feststellen, dass Bonheoffer und die Evangelikalen die beiden Pole des politischen Spektrums innerhalb des Protestantismus gegenüber der NS-Diktatur waren. Gestern fiel mir beim Durchwühlen einer Bücherkiste die Geschichte des berühmten Pietismusforschers Erich Beyreuther „Der Weg der Evangelischen Allianz in Deutschland“ in die Hände. Typisch für die Darstellung der zentralen Bewegung der Evangelikalen in Deutschland ist der Umfang, was es zum Thema der Bewegung in der Zeit der NS-Literatur zu sagen gibt: ganze 13 Seiten gibt es über die Zeit des Kirchenkampfes von 1933 bis 1937. Die Zeit von 1937-1945 wird auf ganzen zwei Seiten abgehandelt! Dementsprechend gibt es nur die Kapitel „Zwischen zwei Weltkriegen“ und „auf neuen Wegen nach 1945“. Einen Zweiten Weltkrieg mit der Vernichtung des europäischen Judentums hat es demnach nicht gegeben, oder die Evangelikalen waren in dieser Zeit in andere Sphären entrückt, bzw. erwiesen sich nicht als so streitbar wie Bonhoeffer, der für den Widerstand gegen Hitler mit dem Leben bezahlte.
Die Situation heute
Noch peinlicher wird die Situation heute. Ein Freund von mir schreibt gerade an der Doktorarbeit über „Evangelikale Missionen in der Zeit des Dritten Reiches.“ Bei den meisten evangelikalen Einrichtungen hängt ein dickes Vorhängeschloss vor den Archiven, mit dem Vermerk: Aufarbeitung unerwünscht. Bis heute ist evangelikale und pietistische Zeitgeschichte, insbesondere die Zeit des Dritten Reichs ist eine terra incognita – ein unerforschtes Gebiet. Es gibt Ausnahmen, die allesamt an einer Hand abzuzählen sind: das Standardwerk von Hartmut Lehmann (Pietismus und weltliche Obrigkeit 1969), sowie Railton (The German Evangelical Alliance and the Third Reich 1998) und Lüdkte (Das Brüderhaus Tabor in der Zeit des Nationalsozialismus, in: ders. (Hg.). Glaube in Erfahrung 2009). Dass im Jahr 2011 die letzten Institutionen unseres Landes, die eine historischen Erforschung ihrer Einrichtungen in der Zeit des Dritten Reiches entweder ignorieren, oder sich dessen widersetzen, evangelikale Einrichtungen sind, gibt zu denken. Vielmehr, dass in einer Bewegung, die sich gerne auf das „Erbe der Väter“ beruft, die historische Forschung außer Acht gelassen wird, wenn nicht sogar ablehnt wird, von hagiographischen Darstellungen abgesehen, kann in Anlehnung an den amerikanischen Historiker Mark Noll (der 1994 das viel beachtete Buch „The Scandal of the Evangelical Mind“ veröffentlichte), als „Skandal des evangelikalen Gedächtnisses“ bezeichnet werden.
Fazit
Bevor man Bonhoeffer zum Evangelikalen mutieren lässt, sollte man erst seine Hausaufgaben in der Erforschung der eigenen Geschichte machen. Dann sollte man sich Bonhoeffers Bücher neu einer gründlichen Lektüre unterziehen. Wenn man diese beiden Aspekte zusammenbringt, zeigt sich dass ein produktives Ergebnis herauskommen kann. Beachtliche Vorarbeiten in diese Richtung haben Glen H. Stassen und David P. Gushee in ihrem voluminösen „Kingdom Ethics. Folling Jeus in Contemporary Context“ getan. Einen evangelikalen Dualismus von Glaube und politischem Handeln kann man dann nicht mehr anhängen.
